glory-620584_1280

Jeder KITA-Streik läßt Eltern verzweifeln.

Warum? Weil wir nicht mehr in Großfamilien leben. Vor 50 oder 100 Jahren – nein, da war nicht alles besser – lebten wir alle unter einem Dach. 3 oder 4 Generationen. Da war immer einer, der mal aushelfen konnte. Heute ist das anders. Man lebt zu dritt in einem Haus, oder ganz allein. Super. Trotz der vielen Online-Singlebörsen. Eltern und Großeltern meist weit entfernt. Nein, das ist kein Vorwurf, das ist eine Feststellung.

Wir leben in einem der reichsten und sichersten Länder der Welt. Warum lassen wir zu, dass wir aussterben, wenn wir so weitermachen? Das glauben Sie nicht? Rechnen Sie mit: Tun wir so, also ob es der Einfachheit halber nur 100 Menschen in Deutschland gäbe. Die finden sich idealerweise zu 50 Paaren zusammen, die genau 1 Kind zeugen. Dann haben wir 50 Kinder, die übrig bleiben, wenn die Elterngeneration gestorben ist. Auch diese 50 finden sich idealerweise zu 25 Paaren, die wieder nur 1 Kind zeugen. Dämmert’s? Ob es 100 sind, oder viel mehr: wir werden weniger in Deutschland, da helfen auch die Migranten, egal woher sie kommen, auch nicht viel. Und wenn Sie jetzt sagen: Aber wir bekommen doch mehr Kinder! Dann zitiere ich die Weltbank von 2012: Die Geburtenrate in Deutschland lag im Jahr 2012 bei 1,38 Kindern. Wenn 2 Eltern nicht mindestens 2 Kinder zeugen, werden wir nun mal weniger. Ja. in den 90ern lagen wir sogar bei 1,24, aber die Tendenz ist stark abnehmen. In den 60ern lag die Quote bei 2,54. Im Spiegel Online vom 1.6.2015 steht: Nimmt man die aktuellen Zahlen des Hamburger Weltwirtschaftsinstitutes (HWWI), so sieht es noch schlechter aus, da sind wir weltweit Schlusslicht, was die Geburtenrate angeht. Warum das so ist – prekäre Beschäftigung und Leistungsdruck sind sicher gute Verhütungsmittel – möchte ich hier nicht weiter erörtern, eher das ganze von einer anderen Seite beleuchten.

Wozu eine große Familie noch taugt, habe ich in dem interessanten Buch „Minimum“ von Frank Schirrmacher aus 2006 gelesen. (Im Folgenden beziehen sich meine Ausführungen alle auf dieses Buch.) Er schildert dort die Tragödie vom Donnerpass, die sich so um 1850 ereignete.

borax-wagons-801040_1280

Da sind nämlich vor allem deutsche Auswanderer (heute würde man sagen Wirtschaftsflüchtlinge – jawoll!) in einem Treck nach Westen irgendwo in den Bergen im Winter stecken geblieben und viele haben dies nicht überlebt. Der Anthropologe Donald Gray hat untersucht, warum wer gestorben ist oder überlebt hat. Das Ergebnis, dass ihn sehr überrascht hat, war, dass nicht junge starke Menschen überlebt haben, sondern die, die in einem Familienverband gereist sind. Und je größer die Familie, desto größer waren die Überlebenschancen. Alter oder Gesundheit waren fast nebensächlich. Ein anderes Beispiel, dass dies belegt ist die Brandkatastrophe von Summerland auf der Isle of Man 1971, einem gewaltigen Hotel- und Vergnügungskomplex. Jonathan Sime ist Psychologe und forscht über menschliches Verhalten in Krisensituationen. Er hat herausgefunden, was Donald Gray auch schon festgestellt hat. Als Alleinreisender waren die Chancen, die Katastrophe zu überleben geringer, als wenn man in einer Familie dort Urlaub gemacht hat. Und je größer die Familie… Sie wissen schon. Wenn jetzt jemand mit Freunden gereist ist, hat das seine Überlebenschancen auch nicht erhöht. Freundschaft ist das eine, Verwandschaft das andere. Natürlich haben wir eine andere Zeit, wir stecken nicht in den verschneiten Rocky Mountains und fliehen nicht vor Flammen in der irischen See. Aber Katastrophen, Krisen und Existenzängste erleben wir heute genauso. Und wer könnte einem besser helfen, als die eigene Familie? Ja ich weiß: Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Aber egal wie blöd man sich vielleicht dran stellt, Freunde können einen verlassen, Familie nicht. In einer Familie hilft man sich, komme was wolle.

ducklings-831043_1280

Jedenfalls im Normalfall. In einer Familie hilft man sich uneigennützig und freiwillig. Die Evolutionspsychologie nennt das Altruismus. Man kann aber auch Selbstlosigkeit sagen. Wenn ich also immer und überall von meiner Familie unterstützt werde, warum haben so viele Menschen heute keine oder wollen keine? Wenn eine große Familie mein Leben im Falle des Falles verlängert, warum bekommen immer weniger deutsche Frauen Kinder? Das ist evolutionär gesehen Schwachsinn. Jede Spezies will ihr Erbgut weitergeben und sich damit selbst erhalten. Die Evolutionspsychologie erklärt dies so:

Herrscht starker Konkurrenzdruck, zieht man wenig Nachwuchs groß. Lieber in ein Kind viel investieren, statt wenig in viele. Außerdem sei es kulturelles Erbe. Wachse ich in einer Gesellschaft auf mit immer weniger Kindern und kleinen Familien, mache ich es später genauso. Kinder müssen Kinder erleben, um später welche zu wollen. Auch dies haben weltweite Studien belegt.

(Exkurs: In dem Zusammenhang macht Schirrmacher auf die Macht des Fernsehens aufmerksam. Im deutschen Fernsehen gibt es wenig bis gar keine traditionellen Familien, und wenn, dann sind sie klein. Protagonisten sind oft Single, die einzige, bekannte Familie mit 3 Kindern – halten Sie sich fest – sind die Simpsons! Wenn das nicht irre ist. Und ich dachte, Homer und seine Sippe sind bekloppt. Dabei sind das die einzig Vernünftigen im deutschen TV, wer hätte das gedacht.)

Eine weitere Hypothese besagt, dass sich die Gesellschaftsbedingungen schneller ändern, als sich der Einzelne daran anpassen kann.

Das heißt, dass die Zahl der zeitgleich lebenden Generationen zunimmt, nimmt die absolute Zahl der Angehörigen ab. Soviel zum demographischen Wandel, er bedeutet die endgültige Havarie unseres Renten- und Sozialsystems.

team-472488_1280

Ein interessantes Experiment, von dem in dem Buch die Rede ist, wurde in den 90ern von Robert Frank, einem berühmten Ökonomen, an der Cornell-Universität durchgeführt. 3 Studentengruppen bekamen folgende Fragen gestellt: Ein Computerladen bestellt 10 PCs. Auf der Rechnung stehen aber nur 9. Machen Sie darauf aufmerksam oder nicht? Die 3 Gruppen wurden zu Beginn des Semesters und am Ende befragt. Bei 2 Gruppen fiel der Fragebogen ähnlich aus. Die 3. Gruppe, die als einzige Ökonomie studiert hatte, zeigte am Semesterende ein signifikant höheres, unehrliches Verhalten. Was ist also das Ergebnis, wenn es nicht die Gier war, wie man meinen könnte. Ein PC mehr oder weniger, macht den Kohl ja nicht fett. Ganz einfach: „Wenn ich so dumm bin, etwas zu tun, was moralisch richtig ist, was aber alle anderen nicht tun – verliere ich dann nicht schon dadurch, dass die anderen etwas gewinnen?“

Das bedeutet dann für das Thema Kinder kriegen ja, dass man dumm ist, wenn man Kinder bekommt in der heutigen Zeit. Zumindest mal rein ökonomisch betrachtet. Ich verzichte auf ein 2. Gehalt, eine 2. Rente, habe aber Investitionen von – je nach dem wem man glaubt – ca. 150.000€ pro Kind. Gerechnet nur bis zum 18. Lebensjahr. Also Auto, Wohnung und Studium sind da nicht mit drin. Bei 3 Kindern kommen da locker ne halbe Millionen Euro zusammen. Dafür gibt es schon ein schönes Haus! Komme jetzt bloß keiner mit Kindergeld etc.! Da wir immer weniger Menschen in Deutschland werden, die Alten aber immer älter, heißt das, dass immer weniger Menschen für immer mehr Rente aufkommen müssen, bis unser umlagenfinanziertes System kollabiert. Müssten da nicht die Kinderlosen, die vom System am meisten profitieren, aber 0,0 zum Erhalt des Systems (in Form von Kindern) beitragen, einen wirtschaftlichen Beitrag leisten? Das wäre doch nur gerecht. Aber zu dem Thema wird es noch einen eigenen Blog geben.

stone-age-662631_1280

Zurück zum Buch: Mit 1,3 Kindern pro Familie sterben wir aus, europaweit sieht das ähnlich aus, aber wir sind Spitzenreiter in Deutschland, Eltern werden immer älter, 25% unserer Frauen sind kinderlos, bei Akademikerinnen zwischen 35 und 39 sind es fast 40%. Tolle Aussichten. Ein Resultat ist z.B. der marriage squeeze,also ein überhitzter Heiratsmarkt. Heute schon gibt es in ländlichen, ostdeutschen Regionen viel mehr Männer als Frauen. (Dazu gibt es sogar eine Show im Fernsehen.) Irgendwann werden sich paarungswillige Männer um die wenigen paarungswilligen Frau kloppen wie in der Steinzeit. Aber wie soll die Lösung aussehen? Man kann schlecht per Gesetz eine bestimmte Mindest-Kinderzahl vorschreiben, oder, wie in einem Science Fiction, Frauen in Brutstätten zum Kinder produzieren halten, damit wir nicht tatsächlich aussterben. Eine Lösung habe ich auch nicht parat, ein einfaches „Make Love, not War!“ reicht da nicht. Aber zumindest kann ich zum Nachdenken anregen und habe ein ruhiges Gewissen in Form von 3 Kindern.

Advertisements