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Was ist die Rolle des Mannes heute?

Wie ist Mann heute? Und ist das cool, oder in Ordnung? Und warum ist das für viele ein Problem? Offensichtlich doch nicht so in Ordnung. Als ich Elternzeit genommen und danach, weil es soviel Spaß gemacht hat und der Job eh genervt hat, Teilzeit gearbeitet habe, musste ich mir Einiges gefallen lassen.
Egal ob im Büro oder im Privaten. Bemerkungen, Blicke, Fragen, alles deutete darauf hin, dass viele nicht gut finden, was ich da machte. Wenn ich donnerstags schon ins Wochenende ging: Wie, du gehst schon? Hast du nichts mehr zu tun? War ich dann mit dem Kinderwagen an einem Wochentag untertags unterwegs schienen die Blicke dasselbe zu sagen. Als Familienvater, der seine „Rolle“ mit Freude aktiv ausfüllt, wurde mir immer unterstellt, ich sei ein fauler Sack, drücke mich vor Arbeit oder hätte nichts Besseres zu tun. Einerseits war mir das wurscht, ich wusste was und warum ich es tat und hatte auch noch Spaß dabei. So stellt auch das Happiness Institut 2012 fest, dass 61 Prozent der Väter zwischen 20 und 45 Jahren große Lebensfreude empfinden, während es unter den gleichaltrigen Männern ohne Kinder nur 46 Prozent sind. Klar, es gab auch schlaflose Nächte mit Geschrei. Aber im Großen und Ganzen war ich super gerne Vater, bzw. bin das immer noch. Aber irgendwie haben diese verständnislosen Mitmenschen auch genervt. Die haben einfach nichts verstanden, dachte ich mir. Worum geht es im Leben, wenn nicht um eine glückliche Familie.

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Was bleibt, wenn ich nicht mehr da bin? Haus, Auto, Kohle auf dem Konto? Na super. Mein „Vermögen“ steht nicht in der Garage, sondern trägt Windeln. (Mittlerweile nicht mehr). Aber warum denken alle, wenn man sich als Mann um Kinder kümmert, also rein privat, weil es die eigenen sind, sei man ein fauler Sack? Die sollten mal die Mütter fragen. Kinder betreuen und erziehen ist ein fulltime Job. Nichts „nach Hause gehen und ausruhen“, nee nee. Ständig präsent, ansprechbar, aufmerksam sein, Gefahren vorhersehen, aufpassen, mitdenken, selbst wenn man vermeintlich schläft. Egal was man tut: Kartoffeln schälen – Messer! Spazieren gehen – Straßenverkehr! Immer ist man voll konzentriert. In welchem Job ist man das sonst noch, und zwar jeden Tag 24 Stunden??? Warum schnallt das kaum einer, warum wird das nicht mehr geschätzt? Und ganz nebenbei erzieht man Menschen zu verantwortungsbewussten und mündigen Bürgern (im Idealfall), die unsere Rente zahlen sollen.

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Ich glaube, es liegt nicht zuletzt an unserer Leistungsgesellschaft. Die legt nämlich auch fest, was als Leistung anerkannt wird. Und das muss sich in € messen lassen. Kinder und Familienglück lässt sich aber weder berechnen, noch in irgendeiner Maßeinheit festlegen. Und woher kommt die Leistungsgesellschaft überhaupt. Nun, wir Menschen lernen am ehesten durch zuschauen und abgucken. Deshalb ist Erziehung ja auch so schwierig. Ich kann noch soviel reden, erklären, oder von mir aus rumschreien. Die Kinder lernen am besten, wenn ich als Eltern es vormache, vorlebe. Ist natürlich anstrengend für einen, klar. Öfter mal Klappe halten und stattdessen richtig vormachen. Und wir haben von unseren Eltern gelernt, und die von ihren. Schauen wir also, was unsere Großeltern nach dem Krieg gemacht haben. Aufgebaut und gearbeitet. Entweder das eine oder das andere, meist aber beides. Schöner Nebeneffekt war, dass man durch diese Ablenkung verdrängen und vergessen konnte, was der Krieg den Menschen angetan hat. Egal ob man an der Front war oder zu Hause, ob man angegriffen oder verteidigt hat. Keiner hatte was zu lachen und Schlimmstes erlitten. Und statt Therapie hat man gearbeitet. Und aufgebaut. Es gab dazu auch keine Alternative. Und deren Kinder, also unsere Eltern, haben von ihren Eltern gelernt, die einfach immer gearbeitet haben. Und das haben wir dann von unseren Eltern so übernommen. Deshalb können die Generationen vor uns auch schlecht sich einfach mal in den Garten setzen, Kaffee trinken und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

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Und wenn man dann dazu auffordert, kommen komische Blicke, Wortwechsel, und letzten Endes sind dann alle erst zufrieden, wenn man wieder Arbeit hat. Man ist beschäftigt und leistet wieder etwas. Das ist richtig, das hat man so gelernt. Um Gottes willen, nuja nicht faul rumliegen! Man könnte ja arbeiten und was leisten. Und dann kommt so einer wie ich, oder Sie? Statt viel Geld zu verdienen, lieber Kinderwagen schieben, Windeln wechseln und so Scherze. Das ist schon bisschen sehr weit weg von dem, was meine Generation gelernt hat, aber jetzt nach und nach ablegt. Also nicht mehr nur traditionell Familienernährer und Versorger sein. Nein, man darf sich mal ausruhen und das gut finden. Man darf Elternzeit nehmen und sich damit wohl fühlen. Das ist natürlich weit weg vom althergebrachten, patriarchalen Männerbild.

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Aber die Erfahrung zeigt, dass viele Männer heute nicht mehr bereit sind, sich solchen Stereotypen zu unterwerfen. Männer und Väter wollen heute auf andere Weise ihre Verantwortung in der Familie übernehmen, als es die Leitbilder meiner und unserer Eltern und Großeltern vorgaben. Die einschlägigen Studien belegen eindeutig: wenn Männer die völlig freie Wahl hätten, dann würden sie ihre Aufgaben und Pflichten mit ihren Partnerinnen gleichberechtigt teilen. Also jeder ca. 30 Wochenstunden arbeiten und sich auch die Hausarbeit und Kindererziehung 50/50 teilen. Im folgenden beziehe ich mich hier und da auf die Trendstudie „Moderne Väter“ von Volker Baisch und der Väter gGmbH. Sollten Sie mal googlen, die machen viele tolle Sachen.

Aber wie ist man heute ein Mann? Wie sind wir Männer heute, wohin haben wir uns verändert? Nun, zunächst einmal gibt es immer weniger Familien mit Kindern, daher auch weniger Väter – siehe dazu meine Blog „Familie 4.0“. Die wenigen Väter genießen es aber. Aktiver und verantwortungsvoller Vater zu sein, liegt im Trend. Damit betreten sie Neuland und haben keine Vorbilder, da diese fast alle nur Arbeit und Leistung kennen. Das moderne Männerbild wird immer vielfältiger. Natürlich ist in den meisten Familien der Mann der Haupternährer, da hinkt unsere Berufswelt noch mächtig hinterher. Hier wurde noch nicht erkannt, dass Väterfreundlichkeit ein Wettbewerbsfaktor sein kann, aber dazu in einem anderen Blog mehr. Jetzt wird er auch noch Erzieher. Darüber hinaus muss er aber auch noch der liebevolle Ehemann sein, gut im Bett, ach ja, witzig und gebildet soll er sein, aber auch männlich genug, dass man sich an seiner Schulter ausweinen kann. Und ein klein bisschen Hausmann sein schadet auch nicht. Hm, bisschen viel auf einmal. Da ist der ein oder andere vielleicht überfordert.

Komisch ist, dass sich viele Männer Kinder wünschen, aber die Geburtenrate zurückgeht (Statistisches Bundesamt (2012a): Leichter Rückgang der Geburtenziffer auf 1,36 Kinder je Frau,) und es immer mehr Singles gibt (laut Statistischem Bundesamt lebte 2011 in Deutschland jeder Fünfte allein, in zwei Jahrzehnten könnte es schon fast jeder Vierte sein; Quelle: Statistisches Bundesamt (2012b). Auch, dass gerade Geringverdiener mehr Kinder haben als die gebildeten Topverdiener, die sie sich viel eher leisten könnten. Finanz- und Wirtschaftskrise hin oder her. Dazu sagte Ursula Nuber, stellvertretende Chefredakteurin „Psychologie heute“: „Die modernen Zeiten sind von großer Verunsicherung gekennzeichnet. Dadurch erlangt die Familie wieder eine größere Bedeutung als Rückzugsort.“ Ich hoffe, sie hat Recht, also was den 2. Satz angeht. Hier mal ein Zitat aus der Studie der Väter gGmbH: „Dementsprechend definieren sich immer weniger Väter allein über ihren Beruf und ihr Gehalt, sondern immer häufiger auch über ihre Familie und Kinder. So geben zwar 74,9 Prozent der von uns befragten Väter an, dass ihnen „Geld verdienen“ sehr wichtig sei. Gleichzeitig sagen jedoch auch 88,2 Prozent der Befragten, dass sie großen Wert darauf legen, von Anfang an die Entwicklung ihrer Kinder aktiv zu begleiten. 91,5 Prozent der Befragten geben darüber hinaus an, dass ihnen „Zeit mit der Familie, auch in der Woche“ sehr wichtig sei.“ Der Trend geht also auch vom Wochenend- zum Alltagsvater. Da kann man schon mal als Vater in einen Konflikt kommen, einerseits den Kühlschrank immer voll machen, aber auch, eventuell mit Teilzeit, für Kinder da sein oder der Frau die – immer häufiger gewünschte oder manchmal auch nötige – Teilzeitarbeit ermöglichen. Neben dem inneren Konflikt kollidiert man dann noch mit einer Arbeitswelt, die auf die „neuen Männer“ noch nicht vorbereitet ist. Auch wenn sie Mittel und Wege hätte, aber dazu an anderer Stelle mehr.

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Dies alles ist für viele Väter neu, da sie in der eigenen Kindheit, einen weitgehend abwesenden Vater erlebt haben. Das prägt natürlich. Und wenn man dann über seine Vaterrolle nachdenkt, stellt man fest, wie sehr Vorbilder zur Orientierung fehlen. Aber zumindest führt es dazu, dass man seinen eigenen Kindern mehr Aufmerksamkeit schenkt. Auch nicht schlecht. So schrieb der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther in seinem Buch „Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn“ 2009: „Was wir als Diagnose festhalten sollten, ist, dass die alten Rollen der Männer weg sind und neue haben sie noch nicht.“ Aber dabei hilft ja Gott sei Dank die Elternzeit, so sagte ein Vater z.B: „Ich fand die Elternzeit wichtig, um uns als Familie zu etablieren und eine intensive Bindung zu meinem Sohn aufzubauen. Außerdem wollte ich mich in die Rolle als Vater reinfinden und meine Frau unterstützen.“ D.h. diese Zeit hilft uns Männer, uns zu finden, zu definieren, zu identifizieren.

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Aber genau so wichtig: es wird mehr zu Hause kommuniziert. Ja, Mann und Frau sollten miteinander reden. Kann nicht schaden. Und außerdem bekommt der Mann ein besseres Verständnis für die Arbeit, die die Frau bisher zu Hause geleistet hat. Bisher musste man also „glauben“, dass Bügeln keinen Spaß macht, jetzt erfährt man es am eigenen Leib. Man honoriert einfach mehr, was Hausarbeit ist. Und was bedeutet das für die Rolle des Mannes? Hierzu lässt sich in der o.g. Studie lesen: „Sie [die Männer] werden einfühlsamer und fürsorglicher, ohne etwas von ihrem Selbstverständnis als Mann und ihrer Männlichkeit einzubüßen. Dadurch ändert sich auch die Wahrnehmung dessen, was ein „richtiger Mann“ ist bzw. zu sein hat.“

Aber so schön das alles einerseits ist, es kann auch zu Problemen führen, wie die folgenden Zitate zeigen: „Manche Mütter erwarten heutzutage ziemlich viel von den Vätern ihrer Kinder. Sie sollen alles genauso machen wie sie […]. Oder die Mütter mischen sich ein. Das verunsichert Väter zutiefst oder macht sie wütend.“ (Ursula Nuber, stellvertretende Chefredakteurin „Psychologie heute“). „Auch die Mütter müssen an sich arbeiten, dass sie den Männern Verantwortung übergeben und zutrauen, etwas zu machen und nicht immer alles nachkontrollieren. Das kann sonst automatisch dazu führen, dass die Männer sich wieder rausziehen.“ (Vera Schroeder, Chefredakteurin Redaktion „Nido“). Deshalb zieht die Studie folgendes Zwischenfazit: „Die Rollenverteilung in den Familien ändert sich. Aufgaben und Zuständigkeiten werden neu verteilt. Für eine partnerschaftliche Aufgaben- und Rollenteilung brauchen Väter jedoch auch modern denkende Frauen, die ihnen Vertrauen bei der Kindererziehung und -betreuung schenken. Väter wiederum sollten z.T. selbst mehr Verantwortung übernehmen und sich besser mit ihren Partnerinnen abstimmen, statt wichtige Fragen, die Kinder betreffen, allein ihren Frauen zu überlassen. Sie sollten klarer und offener ihre väterlichen Verpflichtungen und den Wunsch, diesen nachzukommen, kommunizieren. In einem Satz: Männer und Frauen sollten gleichermaßen darauf hinarbeiten, als Team partnerschaftlich zusammenzuleben.“

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